Konflikte als Chance

Spannungen gehören zum Leben wie die Nacht zum Tag. Für ein gutes Arbeitsklima heisst das dem entsprechend, Konflikte nicht generell zu vermeiden, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, in der Konflikte offen und direkt angesprochen und gel öst werden können.

Konflikte als Chance

Immer mehr Firmen legen grossen Wert auf die Konfliktfähigkeit ihrer Mitarbeitenden; insbesondere Führungskräften sollten darüber verfügen. Allerdings wird bei Analysen deutlich, dass Chefs in diesem Bereich überdurchschnittlich häufig "Schwächen" zeigen. Hoch scheint die Anforderung zu sein, Spannungen wahrzunehmen, sie anzusprechen und zu einer konstruktiven Lösung zu bringen. Dennoch: Die Zeiten der künstlichen Harmonisierung und Bagatellisierung von Konflikten sind vorbei, das Verdrängen macht sich nicht bezahlt. Denn schnell kann ein Konflikt zu Mobbing führen, Ressourcen schmälern, die Teamleistung bremsen.

Somit wird der Blick frei für die Tatsache, die sich seit der Existenz des Menschen täglich zeigt: Das Leben ist voller unterschiedlicher Meinungen, Absichten und Ziele. Konflikte sind daher unvermeidlich.

Was ist ein Konflikt?

Unter 'Konflikten' versteht man generell das Aufeinandertreffen einander entgegengesetzter Verhaltenstendenzen. Dabei lassen sich innere und äussere Konflikte unterscheiden.

Jeder Mensch hat unzählige Bedürfnisse, die einander oft widersprechen. So geniesst z.B. Herr Kohn gerne eine grosse Portion Eis und Frau Hirs ein Gipfeli, beide möchten aber nicht zunehmen. Oder sie wollen sich gerne mit einem Partner verbinden, dabei aber ihre Freiheit nicht aufgeben, etc. Hier ist die Rede von inneren Konflikten, die das Leben während der meisten Zeit mit Spannungen versorgen.

Wenn von 'Konfliktfähigkeit' gesprochen wird, sind die äusseren Konflikte gemeint, die sich im Umgang mit den Mitmenschen zeigen.

Eine Meinungsverschiedenheit - Herr Kohn wählt FDP, Frau Hirs CVP - ist noch kein Konflikt, wenn nicht eine Handlung daraus resultiert. Anders, wenn sich die Meinungsverschiedenheit im Verhalten eines oder beider 'Partner' zeigt - wenn sich also Herr Kohn über die politische Haltung von Frau Hirs lustig macht und sie vor Kollegen schlecht darstellt. Neben diesem äusseren Aspekt des Konfliktes darf man nicht vergessen, dass das persönliche Wohlbefinden einen grossen Einfluss hat auf die eigenen Reaktionen den anderen gegenüber.

Konflikt als Chance

Man wird den Konflikten jedoch nicht gerecht, wenn man sie einfach als störend, schlecht und unangenehm beiseite schiebt. Ein Konflikt ist an sich neutral und zeigt nur das Vorhandensein unterschiedlicher Meinungen, Wünsche oder Absichten an. In einem Konflikt stecken zugleich Chancen und Gefahren, je nach dem, was daraus gemacht wird.

Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit, emotionale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung sind Schlagworte, die in Zusammenhang mit erfolgreichem Konfliktmanagement genannt und zunehmend vom Arbeitgeber verlangt werden. Es wird erwartet, dass die Mitarbeitenden mit Konflikten konstruktiv umgehen können.

Konflikte werden in modernen Betrieben (vgl. totales Qualitätsmanagement) immer seltener durch Macht und Hierarchien gelöst. Es wird nach Lösungen gesucht, mit denen sich möglichst alle Parteien einverstanden erklären können. Wieso dieser Aufwand?

Von Siegern und Verlierern

Man nehme eine Standardsituation zwischen Chef und Mitarbeiter: Letzterer hat eine Idee, wie ein Arbeitsablauf verbessert werden könnte und teilt dies dem Vorgesetzten mit. Dieser lehnt den Vorschlag ab, weil man es immer schon so gemacht hat, weil ihm die Zeit fehlt, um sich darum zu kümmern oder weil er den Mitarbeitenden nicht mag.

Es erstaunt nicht, wenn sich der Mitarbeitende nach einem oder mehreren solcher erfolglosen Versuche zurückzieht, mit geringer Arbeitsmotivation nur noch das Nötigste macht oder die Stelle wechselt. Auch wenn chronische Konflikte unter Kollegen stattfinden, kann es so enden.

Für das Unternehmen resultiert in beiden Fällen ein Verlust. Der ‚Stärkere' wird dabei nicht zum ‚Sieger', denn bei emotionalen Konflikten ‚siegen' entweder beide oder keiner.

Konfliktfähigkeit ist lernbar

Das Problem sind jeweils nicht die ursprünglichen Konflikte an sich, sondern die unerledigten, d.h. chronischen Konflikte, die nie gelöst werden. Da Konflikte ihre Wurzeln hauptsächlich in der emotionalen Ebene haben, lassen sie sich kaum mit rein rationalen Lösungen bereinigen.

Die Forderung lautet daher nicht, Konflikte generell zu vermeiden, sondern ein Klima zu schaffen, in dem Konflikte gelöst werden können. Während ersteres gar nicht möglich ist, kann man letzteres in unterschiedlichen Weiterbildungen für Kader und Mitarbeitende lernen.

Autor: Rolf Heim, Institut für Arbeitsmedizin. Abteilung für Gesundheitsförderung, spezialisiert für Krisenmanagement, Entspannung, Persönlichkeitsentwicklung.